1. sencha

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Vom Pan und vom Baum

Es war einmal ein Pan. Der Pan war der Herr des Waldes und der Schützer aller Tiere und Pflanzen. Der Wald war voll von stolzen, hoch gewachsenen Bäumen, üppigen Sträuchern und Gräsern und flinken kleinen Nagetierchen und Rehen. Sie alle liebte und hegte der Pan. Aber einen Baum hegte und liebte der Pan ganz besonders. Es war der stolzeste und größte und älteste Baum des Waldes.
Wenn der Pan seinen morgendlichen Weg durch den Wald ging, so pflegte er am längsten bei dem stolzen und großen und alten Baum zu verweilen, um nach dem Rechten zu sehen. Und wenn der Pan nach einem stillen, schattigen Plätzchen suchte, um zu ruhen und dem Wald ein Lied auf der Flöte zu spielen, so entschied er sich meist für ein Lager zwischen den weit herausragenden Wurzeln des stolzen, großen und alten Baums und er spielte sein Lied mehr für den Baum als für den Rest des Waldes. Der Baum war Pans Baum.
Wurde es Herbst, so ließ Pan seinem Baum die Blätter länger als all den anderen Bäumen und Pan liebte es, seinen Baum mit der roten Krone zu sehen, die sich so sehr von dessen weißer Rinde abhob.
Wurde es Winter, so verstreute Pan stets zuerst um seinen Baum Reisig, um ihn vor der Kälte zu schützen, und Pan streichelte sacht seines Baumes Rinde.
Die anderen Pflanzen und Tiere waren nicht etwa eifersüchtig auf Pans Baum oder beargwöhnten ihre eigene Benachteiligung. Alle Pflanzen und Tiere wussten um die besondere Beziehung vom Pan und vom Baum. Und es war gut, wie es war.
Eines Frühlings, als der Pan seinen morgendlichen Weg durch den Wald ging, bemerkte er eine Veränderung. Die Musik des Waldes schien Pan gedämpfter und trauervoller als üblich, die Tiere schienen Pan weniger agil als üblich, die Frühlingsbrise schien Pan steifer als üblich und die Wasser und der Himmel schienen Pan weniger klar als üblich.
Einige der jüngeren Bäume waren von einer dem Pan unbekannten Krankheit befallen, die ihre Blätter faulen, ihre Rinde bröckeln und ihr Harz entweichen ließ. Pan behandelte die Bäume mit Wickeln und Kräutersuden und machte auch von der heilsamen Wirkung seiner Flötenmusik gebrauch, doch je mehr kranke Bäume Pan entdeckte, desto unkonzentrierter wurde er bei seinem Werk. Pan sorgte sich um seinen Baum.
Pan wollte sich Gewissheit verschaffen, dass sein Baum unversehrt sei, bevor er sich weiter um die jungen, kranken Bäume kümmern würde, und so suchte Pan seinen Baum auf dem schnellsten Wege auf. Und Pans Baum, der stolzeste, größte und älteste von allen, war unversehrt.
Im Laufe des Frühlings erkrankten immer mehr Bäume, auch stolzere und größere und ältere. Und auch vor den Tieren hielt die seltsame Krankheit nicht. Und obwohl Pan voll in Anspruch genommen war, die Bäume und Tiere zu versorgen, sah er oft nach seinem Baum und verweilte zunehmend länger zwischen dessen mächtigen Wurzeln, aus Angst, sein Baum könnte in Pans Abwesenheit erkranken.
Und die anderen Pflanzen und Tiere, die Pans Hilfe so dringend benötigten, klagten nicht etwa. Denn alle Pflanzen und Tiere wussten um die besondere Beziehung vom Pan und vom Baum. Und es war gut, wie es war.
Als im Wald die Vögel aufhörten zu singen und die Bäche aufhörten zu plätschern und die Blätter aufhörten zu rascheln, wich Pan nicht mehr von seines Baumes Seite. Pan spielte sein Lied für den Baum und Pan streichelte seines Baumes Rinde, denn die Krankheit näherte sich Pans Baum, dem Mittelpunkt des Waldes, von allen Seiten und Pan wollte keine schutzlose Sekunde für seinen Baum riskieren, wenn er den anderen Pflanzen und Tieren zu Hilfe käme.
Und die Pflanzen und Tiere des Waldes kündeten nicht etwa laut von ihrem Leid und ihrer Hilflosigkeit. Denn alle Pflanzen und Tiere des Waldes wussten um die besondere Beziehung vom Pan und vom Baum. Und es war gut, wie es war.
Als Pans Baum das letzte gesunde Geschöpf des Waldes war, als die letzten Pflanzen und Tiere des Waldes zugrunde gingen, weinte der Pan, das Gesicht an seines Baumes weißer Rinde gepresst, denn er wusste, dass sein Baum, der nun nicht mehr der stolzeste und größte und älteste sondern der letzte unter den Bäumen des Waldes war, sterben musste.
Doch Pans Baum starb nicht an der seltsamen Krankheit des Waldes. Dafür war er noch immer zu stolz und zu groß und zu alt. Pans Baum starb, weil er das Herz des Waldes war. Und ein Herz kann ohne das Leben, dem es schlägt, nicht existieren.
Als Pans Tränen langsam seines Baumes Rinde hinab rannen, flüsterte der Baum ihm ein leises Lebewohl. Und es war nicht nur das Lebewohl von Pans Baum. Es war das Lebewohl von Pans Wald, den er mehr als alles andere geliebt hatte.

Freitag, 5. Oktober 2007

Jeanny

Die Ballerinas wirkten sportlich, aber nicht weniger elegant; ihr schwarzes Kunstleder bildete einen reizenden Kontrast zu der hellen Haut der zierlichen Füße, die sie schmückten. Die langen, nackten Beine waren makellos glatt, der Wadenmuskel, kaum also solcher zu erkennen, war formschön und dünn, ohne der Gesamterscheinung jenen störenden Beigeschmack der Dürrheit zu geben. Über den kaum hervorstehenden Knien ließ ein kurzer Minirock den Blick auf gerade so viel Oberschenkel frei, dass rein rechtlich kein Anstoß zu erheben war.
Ein knappes einfarbiges Top ergab, obwohl bauchfrei und das obligatorische Nabelpiercing entblößend, eine stilvolle Kombination mit dem schicken taillierten Blazer. Das lange, erstaunlich volle und glatte Haar hing zu einem lockeren Zopf gebunden über der linken Schulter und wirkte trotz der verschiedenfarbigen Strähnchen sehr natürlich.
Das feine hellhäutige Gesicht mit den strahlenden haselnussbraunen Augen war natürlich-schön, obgleich die dezent und gekonnt aufgetragene Schminke seinen Reiz noch erhöhte. Die zarten Ohren zierten ausladende Kreolen, die wie etwas zu essen klingen, dachte ich, weil ich das immer dachte, wenn ich Kreolen sah. Die winzige schwarze Handtasche, die, wie ich wusste, Lucky Strikes und ein kleines Bic-Feuerzeug beherbergte, hing nun wieder eng über der rechten Schulter. Der Zigarettenrauch kroch spielerisch zwischen den rötlichen Lippen hervor.
Das Mädchen mochte vierzehn sein, vielleicht aber auch erst zwölf.
Es ist ein glücklicher Umstand der Natur, dass das Bedürfnis sich zu übergeben und das Bedürfnis zu weinen nicht gleichzeitig zu ihrem Recht kommen können und so das eine das andere am Ausbruch hindert. Ich überlegte, das Mädchen fürsorglich in mein Liegehandtuch zu wickeln, um es vor der Kälte und den Blicken zu schützen, aber mir fiel ein, dass vermutlich ihre Mutter oder ihr Vater längst auf dem Weg zu ihr war, um das zu tun.
Hätte sie dort einen Platz, ich würde sie in Gedanken Jeanny nennen, dachte ich. Aber wenn ich ihnen dort einen Platz schenken würde, gäbe es bald zu viele Jeannys in meinen Gedanken, als dass ich sie auseinanderzuhalten imstande wäre, dachte ich.
Was blieb, war nur eine leichte Trauer als Hinweis darauf, dass der Brechreiz am Ende doch verloren hatte.

Mittwoch, 19. September 2007

Eines andern Federn

Neulich habe ich mir den Federschmuck von einem guten Freund ausgeliehen. Seit ich vor etwa einem Jahr so verschwenderisch mit einer seiner ach so gehegten Meinungen umgegangen war, ist unser Verhältnis zwar leicht gespannt, aber da er auf eine Dienstreise mit strengen Kleidungsvorschriften geschickt wurde und außerdem so ein Federschmuck ja auch gepflegt sein will, trug er mir vertrauensvoll die verantwortungsvolle Aufgabe der Verwahrung desselben auf.
Selbstverständlich probierte ich den Schmuck sofort zu Hause vor dem Spiegel aus – und gefiel mir ausgesprochen gut damit: selbstbewusst, stilvoll, etwas verwegen aber durchaus kultiviert und weltgewandt. Es wurde zu einer Art Manie von mir, den Federschmuck zu tragen, wann immer ich allein zu Hause war. Beim Fernsehen konnte ich manchmal mein schemenhaftes Spiegelbild auf der Mattscheibe erkennen und positionierte mich dann so im Sessel, dass der Federschmuck möglichst gut zur Geltung kam.
Mit der Zeit wurde ich wagemutiger und präsentierte den Federschmuck beim Einkaufen oder auf dem Weg zur Arbeit anonym der Öffentlichkeit und studierte gierig die Reaktionen der Leute auf der Straße oder in der U-Bahn.
Gestern dann erschien ich wie selbstverständlich mit dem Federschmuck bei einer Feier vor meinen Freunden und Bekannten und genoss die große Aufmerksamkeit, während ich mich gleichzeitig seltsam schämte.
Heute Morgen überreichte ich meinem Freund pflichtbewusst, wenn auch innerlich schwermütig sein geliebtes Kleinod; er atmete hörbar auf, als er nach dieser langen Zeit aus seinem Zweireiher schlüpfen und seinen Federschmuck anlegen konnte.
Zwischen meinem Freund und mir ist jetzt wieder alles in Ordnung – ich frage mich nur, wann er merkt, dass einige der Federn leicht abgeknickt sind und die Farben auch nicht mehr ganz so leuchten wie früher.

Sonntag, 16. September 2007

Problem outsourced

Neulich brannte mir etwas unter Nägeln. Ich dachte mir erst nichts dabei, doch aus dem anfänglichen unangenehmen Kribbeln wurde zunehmend ein kaum erträglicher Schmerz. Als die Sache dann zu eitern begonnen hatte, besorgte ich mir eine frei verkäufliche Salbe aus der Apotheke, die zwar genau gegen diesen Brand zu wirken geeignet zu sein versprach - dies jedoch nur bei rechtzeitiger Anwendung. Entmachtet entschied ich das Problem operativ lösen zu lassen. Zwei renommierte Ärzte und drei eilfertige Krankenschwestern nahmen sich meines Leidens an, während ich mich der Vollnarkose wegen zur Untätigkeit genötigt sah.
Mittlerweile bin ich vollkommen wiederhergestellt. Gut, dass man sich bei solcherlei Problemen immer noch auf die Kompetenz fähiger Fachkräfte verlassen kann.

Donnerstag, 23. August 2007

Das Wort

Von ihren Lippen geformt und von ihrer Zunge geschliffen schnitt es ihm, einer Klinge gleich, mühelos in die Brust. Oberflächlich betrachtet war es harmlos und unbedeutend und nur sie hätte es als Waffe benutzen können.
Sie bereute es noch im selben Augenblick.
Es war nicht ihre Absicht gewesen, ihn so unvorbereitet und
wehrlos damit zu erwischen; es war ihr in einem kurzen Moment der Unbedachtsamkeit entglitten. Nun war es zu spät. Sie hatte ihm damit einen tiefen Schnitt zugefügt; trotzdem zeigte er keine äußeren Anzeichen irgendeiner Verletzung, - solche Wunden bluteten nicht. Und doch wusste sie, welchen Schmerz er empfand. Sein Mund bebte kaum merklich, seine Augen blickten ihr starr ins Gesicht.
Niemand sagte etwas.
Es hatte angefangen zu nieseln. Unzählige, winzige Wassertröpfchen spritzten an die Scheibe und setzten sich dort in sturer Verbissenheit fest. Nur dort, wo zufällig zwei von ihnen den selben Platz für ihre lange Rast gewählt hatten, verschmolzen sie zu einem größeren Tropfen und flossen verzweifelt miteinander ringend die Scheibe herunter und verschwanden spurlos.
Sie wünschte sich innig, irgendetwas sagen oder tun zu können, um ihn zu trösten, aber nichts hätte jetzt seinen Schmerz zu lindern vermocht. Es hatte sein Herz getroffen.
Er rührte sich nicht und sagte auch nichts. Sie wusste, solche Wunden bluteten nicht; aber sie hinterließen Narben. Narben, die nie ganz verheilen würden. Narben, die noch nach Jahren Erinnerungen wach riefen, die einem die Kehle zuschnüren konnten. Sie erinnerten einen nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche; aber sie erinnerten einen immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete, wenn man unvorbereitet und schutzlos war. - Es würde nie mehr so wie früher werden.
Erst als die Träne, die erst unsicher über ihre geröteten Wangenknochen gewandert war, endlich von ihren weichen, blassen Lippen aufgenommen wurde, die die mächtige Waffe erst geschaffen hatten, kam er ihr mit einem behutsamen Schritt entgegen, um sie in seine Arme zu schließen. In diesem Moment verwandelte sich der Niesel in einen starken Regen, der noch lange anhalten sollte.
Das Wort hallte in ihren Ohren noch lange Zeit wider, immer leiser, und würde doch nie ganz verstummen.

Donnerstag, 16. August 2007

Berührung vom anderen Ufer

Neulich bin ich berührt worden. Ganz sanft, behutsam und trotzdem hätte es mich fast umgehauen. Die Berührung hatte etwas ganz Persönliches, Vertrautes obwohl ich sah, dass an diesem Tag noch einige andere in der Nähe genauso berührt wurden. Dennoch schien das Erlebnis für jeden von uns von besonderer, individueller Bedeutung.
Ich musste in der nächsten Zeit oft an diesen Augenblick zurückdenken und konnte das besondere Gefühl doch nie ganz zurückrufen. Aber selbst die schattenhafte Erinnerung dessen war noch von außerordentlicher Kraft und Fülle.
Gestern dann habe ich erfahren, dass es ein Mann gewesen war, der mich so bedeutungsvoll berührt hatte. Ich schämte mich natürlich sehr und wollte mir meine Schwäche nicht eingestehen, aber es war schon zu spät – jeder wusste, wie bewegt ich auf die Berührung reagiert hatte.
Mittlerweile stehe ich zu der Sache. Ich meine hey! es war wirklich nicht so übel - ich meine, wenn man vorher nicht weiß, worauf man sich einlässt - und warum sollte man nicht mal was Neues ausprobieren? Es war doch eine einmalige Sache und es bedeutet gar nichts, ihr verbohrten Kleinbürger! Ich bin schließlich immer noch der Selbe!

Donnerstag, 9. August 2007

Die Mauer

Die Mauer verlief parallel zur Bordsteinkante auf der rechten Seite des Bürgersteigs, wenn ich morgens zur Schule ging; auf der linken, wenn ich nachmittags nach Hause kam. Sie überragte mich um gut zwei Köpfe und verdeckte den Blick auf ein quadratisches Gelände zwischen zwei Wohnhäusern, mit deren Fassaden sie glatt abschloss. Dort musste früher ebenfalls ein Haus gestanden haben oder zumindest geplant gewesen sein, denn die dem freien Gelände zugewandten Seitenflächen der beiden Wohnhäuser waren fensterlos und von einem schmucklosen grau, - sah ich von unten schräg über die Mauer hinweg, konnte ich gerade so das Dach des ehemaligen oder vorgesehenen Hinterhauses erkennen.
War ich auf dem Heimweg allein, ließ ich gern im Gehen die Fingerspitzen über die raue Oberfläche gleiten. Sie fanden ihren Weg immer wieder über die selben wohl bekannten Unebenheiten, die selben vertrauten Löcher und Kerben. Nur die pergamentartigen Ränder der alten Werbeplakate, die sich immer mehr von der Mauer lösten, zeugten davon, dass die Zeit nicht stillstand.
Ich mochte es, wenn ich danach vor unserer Haustür den Schlüssel aus der Hosentasche zog und sah, dass meine Finger noch staubig und grau von der Mauer waren.
Der Tag, an dem ich die Mauer zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte, das war ein erster Schultag nach den Ferien gewesen. Ein älterer Junge, den ich als einen von den ehemaligen Großen aus meiner Schule erkannte, umfasste die Mauerkante mit beiden Händen, zog sich auf seine Zehenspitzen hoch und begutachtete das eingemauerte Gelände mit seichtem Interesse. Er zog kurz die Augenbrauen hoch, als hätte er etwas Bestimmtes ausgemacht, und ließ von der Mauer ab, um sich wieder auf den Weg zu machen. Erfüllt von Neugier versuchte ich genau wie der Junge über die Mauer hinwegzusehen. Dafür zu klein hoffte ich springend einen kurzen Blick über die Barriere erhaschen zu können, doch alles half nichts und meine Neugier, was sich wohl hinter der geheimnisvollen Mauer verbergen könnte, wuchs in den nächsten Tagen und Wochen. Ich entwickelte die wildesten Theorien über die Wunder oder Schrecken, die der Ort beherbergen mochte, fassungslos darüber wie desinteressiert alle anderen der Mauer und dem, was sie beschützte oder vielleicht gefangen hielt, begegneten. Tatsächlich sah ich nie wieder jemanden einen Blick über die Mauer werfen und schloss daraus, dass es sich bei dem Jungen um einen Eingeweihten gehandelt haben musste, während eine Art Magie den Ort vor der Wahrnehmung unwissender Passanten schützte.
Den Jungen sah ich leider nie wieder und war auch nicht sicher, ob ich ihn auf sein Wissen anzusprechen gewagt hätte; die Idee, mich von einem Erwachsenen hochheben und einen Blick über die Mauer werfen zu lassen, war mir als vorhandene Möglichkeit durchaus bewusst, nur konnte sie aus einem mir unerfindlichen Grund nie zum Entschluss heranreifen.
Und so erfüllte der zauberhafte Ort weiterhin meine Träume bei Tag und Nacht. War ich mir lange sicher, es handele sich dabei um eine Art Portal in eine unbekannte, traumhafte Welt voller wunderlicher Fabeltiere und Pflanzen, bewohnt von Indianern mit olivfarbener Haut und blauschwarzen Haaren, so fürchtete ich zeitweise das uralte Verlies eines bösartigen, verfluchten Wesens.
Nachdem wir umgezogen waren, verblasste die Erinnerung an die Mauer und die Geheimnisse, die sie verbarg, allmählich, bis es mich Jahre später in unsere alte Gegend zurück verschlug. Unwillkürlich fand ich meinen Weg vorbei an der alten Schule mit der baufälligen Turnhalle, vorbei an dem Abenteuerspielplatz, wo wir Kinder unsere ersten Küsse und Zigaretten ausgetauscht hatten, vorbei auch an dem Imbiss, wo die Hühnchen so knusprig gewesen waren und dem Bäcker, bei dem ich sonntags Brötchen geholt hatte, bis ich mich unvermittelt vor der Mauer wiederfand. Abgesehen von ein paar neuen Plakaten hatte sie sich nicht verändert; ich glaubte jede Einzelheit wiederzuerkennen. Die alte Neugier packte mich und all die reizvollen oder scheußlichen Möglichkeiten waren in mir wieder so lebendig wie damals.
Die Oberkante der Mauer war nun genau in meiner Stirnhöhe. Ich machte einen Schritt nach vorne und hielt mich an der Kante fest, um mich langsam auf die Zehenspitzen hochzuziehen. Innerlich kochte ich schier vor Aufregung, doch ich nahm mich zusammen, um den Augenblick nicht seiner Würde zu berauben. Ruhig sah ich über die Mauer hinweg.
Als ich zurück auf die Straße trat, bemerkte ich den kleinen Jungen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, der augenscheinlich auf dem Weg zur Schule an der Mauer stehen geblieben war und mich beobachtet hatte. Ich sah ihm kurz in die Augen, deren fast unkindlich melancholischer Glanz Verständnis und Neugier ausstrahlte. Ich kehrte mich, ohne noch einmal zurückzublicken, zum Gehen.
Mein altes Viertel habe ich seither nie wieder besucht.

Sonntag, 5. August 2007

Jubiläum

vor etwa zwei jahren habe ich das erste mal was (mehr oder weniger) freies geschrieben, womit ich zufrieden war. das war in der schule gewesen und seitdem hab ichs immer wieder mal probiert und habe spaß dran. da soll noch jemand sagen, die schule wär nur zeitverschwendung.

Das Schild

Nicht einmal der weiße Staub, den der Wind aufgewirbelt hatte und der sich in einer feinen Schicht absetzte, konnte verbergen, dass seine Füße verbrannt gewesen sein mussten.
„Vergiss nicht, dir auch die Füße einzucremen!“, hatte sie gesagt.
Er kniff die Augen zusammen, da ihm die untergehende Sonne warm ins Gesicht schien. Der Sand schmiegte sich weich und schon ziemlich kühl um seine Fußsohlen. Seine Füße brannten, aber das störte ihn nicht. Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich.
Neben sich konnte er die undeutlichen Überreste der Fußspuren erkennen, die er am Morgen gemacht hatte. Sie führten von dem grasbewachsenen Hügel den ganzen Strand entlang, verloren sich im Meer, um in der kleinen Bucht wieder zwischen den moosigen Felsen hervorzutreten.
Das Meer rauschte.
„Siehst du, das hast du nun davon!“, sagte sie.
Er lächelte nur. Er liebte sie wirklich.
Die Spuren, die ihm in Richtung des Hügels folgten, waren noch frisch und deutlich, doch er wusste, dass auch sie wieder verschwinden würden.
Ein lauer Wind wehte um seinen freien, braungebrannten Oberkörper.
Sie waren vollkommen allein.
Er liebte diese Stille. Keine schreienden Kinder. Keine Menschen in Badeanzügen, die sich um Sonnenschirme stritten.
Eine Straße schlängelte sich behutsam den Hügel hinauf und endete im Leeren. Neben der Wasserleitung, die aus der Erde ragte, stand ein Schild: „Sunny Beach Apartments“. Der erste Vorposten der Zivilisation sollte hier errichtet werden. Bald würden sie auch hierher kommen.
Graue, dunstige Wolken schoben sich vor die Sonne. Er zog sein Hemd über, weil ihm jetzt merkwürdig kalt war.
„Lass uns nachher noch einen Cappuccino in der Lobby Bar trinken gehen.“, sagte sie.
Er nickte nur. Er lächelte jetzt nicht mehr.

Freitag, 20. Juli 2007

Die Erfahrung oder Totschlagargument

Neulich habe ich eine Erfahrung gemacht; wahrscheinlich müsste man sie schlecht nennen, aber ich will da nicht vorschnell urteilen.
Es war eine von diesen Erfahrungen, die man nicht lange für sich behalten will, kann oder sollte. So gab es bald jede Menge interessante Geschichten, verständnisvolle Worte, wegwerfende Handbewegungen.
So eine Erfahrung zum ersten Mal zu machen, hat auch sein Gutes. Es gibt so viele Lieder, Gedichte etc., die ich früher nicht weiter beachtet oder doof gefunden hatte, die jetzt aber etwas bedeuten, weil ich sie nun verstehen kann. All die Musiker und Dichter hatten genau das selbe erfahren wie ich. Dumm nur, dass die meisten von ihnen später einsam und abgebrannt endeten, den Drogen erlagen, sich umbrachten oder zumindest Zeit ihres Lebens depressiv veranlagt waren und mit letzterem liebäugelten.
Wozu sich umbringen? Wenn man sich beschissen fühlt, hat das etwas Berauschendes an sich. – Leben eben.

Dienstag, 17. Juli 2007

Der Blick

Neulich habe ich über den Tellerrand geschaut. Erst ganz zaghaft – und was ich sah, hätte mich fast den Blick wieder senken lassen, Brotkrümel, alt und vertrocknet, ein großer Soßenfleck... dann ließ ich den Blick jedoch entschlossen schweifen und entdeckte einiges, das ich mir bis dahin entgehen lassen hatte: einen großen Krug kalten Biers mit herrlicher Schaumkrone, eine Schüssel Salat, dekoriert mit Oliven und Feta, Knoblauchbrote und noch viele andere lohnenswerte Dinge.
Nach wie vor ist natürlich nichts besser als das saftige Steak auf meinem Teller und ich hatte auch Sachen gesehen, die mir gar nicht zusagen wie Rotwurst oder Artischocken. Dennoch hat sich der Blick gelohnt. Ich habe viel Neues entdeckt und unberechtigte Aversionen abgebaut. Und ich bin großer Sushi-Fan geworden.

grüner tee

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grüner tee mit zitrone

"Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen." -Antoine de Saint-Exupéry-

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ihnen, und nur ihnen, hätte ich das zugetraut.
herraermel - 18. Februar, 21:42
ha! danke!
hab vor lauter aufregung das .de vergessen ;-) ich...
lylo - 18. Februar, 21:21

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Zuletzt aktualisiert: 20. Februar, 23:49

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