Donnerstag, 9. August 2007

Die Mauer

Die Mauer verlief parallel zur Bordsteinkante auf der rechten Seite des Bürgersteigs, wenn ich morgens zur Schule ging; auf der linken, wenn ich nachmittags nach Hause kam. Sie überragte mich um gut zwei Köpfe und verdeckte den Blick auf ein quadratisches Gelände zwischen zwei Wohnhäusern, mit deren Fassaden sie glatt abschloss. Dort musste früher ebenfalls ein Haus gestanden haben oder zumindest geplant gewesen sein, denn die dem freien Gelände zugewandten Seitenflächen der beiden Wohnhäuser waren fensterlos und von einem schmucklosen grau, - sah ich von unten schräg über die Mauer hinweg, konnte ich gerade so das Dach des ehemaligen oder vorgesehenen Hinterhauses erkennen.
War ich auf dem Heimweg allein, ließ ich gern im Gehen die Fingerspitzen über die raue Oberfläche gleiten. Sie fanden ihren Weg immer wieder über die selben wohl bekannten Unebenheiten, die selben vertrauten Löcher und Kerben. Nur die pergamentartigen Ränder der alten Werbeplakate, die sich immer mehr von der Mauer lösten, zeugten davon, dass die Zeit nicht stillstand.
Ich mochte es, wenn ich danach vor unserer Haustür den Schlüssel aus der Hosentasche zog und sah, dass meine Finger noch staubig und grau von der Mauer waren.
Der Tag, an dem ich die Mauer zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte, das war ein erster Schultag nach den Ferien gewesen. Ein älterer Junge, den ich als einen von den ehemaligen Großen aus meiner Schule erkannte, umfasste die Mauerkante mit beiden Händen, zog sich auf seine Zehenspitzen hoch und begutachtete das eingemauerte Gelände mit seichtem Interesse. Er zog kurz die Augenbrauen hoch, als hätte er etwas Bestimmtes ausgemacht, und ließ von der Mauer ab, um sich wieder auf den Weg zu machen. Erfüllt von Neugier versuchte ich genau wie der Junge über die Mauer hinwegzusehen. Dafür zu klein hoffte ich springend einen kurzen Blick über die Barriere erhaschen zu können, doch alles half nichts und meine Neugier, was sich wohl hinter der geheimnisvollen Mauer verbergen könnte, wuchs in den nächsten Tagen und Wochen. Ich entwickelte die wildesten Theorien über die Wunder oder Schrecken, die der Ort beherbergen mochte, fassungslos darüber wie desinteressiert alle anderen der Mauer und dem, was sie beschützte oder vielleicht gefangen hielt, begegneten. Tatsächlich sah ich nie wieder jemanden einen Blick über die Mauer werfen und schloss daraus, dass es sich bei dem Jungen um einen Eingeweihten gehandelt haben musste, während eine Art Magie den Ort vor der Wahrnehmung unwissender Passanten schützte.
Den Jungen sah ich leider nie wieder und war auch nicht sicher, ob ich ihn auf sein Wissen anzusprechen gewagt hätte; die Idee, mich von einem Erwachsenen hochheben und einen Blick über die Mauer werfen zu lassen, war mir als vorhandene Möglichkeit durchaus bewusst, nur konnte sie aus einem mir unerfindlichen Grund nie zum Entschluss heranreifen.
Und so erfüllte der zauberhafte Ort weiterhin meine Träume bei Tag und Nacht. War ich mir lange sicher, es handele sich dabei um eine Art Portal in eine unbekannte, traumhafte Welt voller wunderlicher Fabeltiere und Pflanzen, bewohnt von Indianern mit olivfarbener Haut und blauschwarzen Haaren, so fürchtete ich zeitweise das uralte Verlies eines bösartigen, verfluchten Wesens.
Nachdem wir umgezogen waren, verblasste die Erinnerung an die Mauer und die Geheimnisse, die sie verbarg, allmählich, bis es mich Jahre später in unsere alte Gegend zurück verschlug. Unwillkürlich fand ich meinen Weg vorbei an der alten Schule mit der baufälligen Turnhalle, vorbei an dem Abenteuerspielplatz, wo wir Kinder unsere ersten Küsse und Zigaretten ausgetauscht hatten, vorbei auch an dem Imbiss, wo die Hühnchen so knusprig gewesen waren und dem Bäcker, bei dem ich sonntags Brötchen geholt hatte, bis ich mich unvermittelt vor der Mauer wiederfand. Abgesehen von ein paar neuen Plakaten hatte sie sich nicht verändert; ich glaubte jede Einzelheit wiederzuerkennen. Die alte Neugier packte mich und all die reizvollen oder scheußlichen Möglichkeiten waren in mir wieder so lebendig wie damals.
Die Oberkante der Mauer war nun genau in meiner Stirnhöhe. Ich machte einen Schritt nach vorne und hielt mich an der Kante fest, um mich langsam auf die Zehenspitzen hochzuziehen. Innerlich kochte ich schier vor Aufregung, doch ich nahm mich zusammen, um den Augenblick nicht seiner Würde zu berauben. Ruhig sah ich über die Mauer hinweg.
Als ich zurück auf die Straße trat, bemerkte ich den kleinen Jungen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, der augenscheinlich auf dem Weg zur Schule an der Mauer stehen geblieben war und mich beobachtet hatte. Ich sah ihm kurz in die Augen, deren fast unkindlich melancholischer Glanz Verständnis und Neugier ausstrahlte. Ich kehrte mich, ohne noch einmal zurückzublicken, zum Gehen.
Mein altes Viertel habe ich seither nie wieder besucht.

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die spinne in der suppe des guten geschmacks

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"Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen." -Antoine de Saint-Exupéry-

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